Odyssee ISG – ein Erfahrungsbericht

Zahlreiche Foreneinträge mit Hilferufen bestätigen es: Leider müssen sich viele Triathleten mit dem Ileosakralgelenk (ISG) auseinandersetzen. Auch triathlon.de-Leserin Antje Laschewski hatte ab Juni des vergangenen Jahres das fragwürdige Vergnügen, sich mit diesem ihr bis dahin völlig fremden Gelenk bzw. vor allem den Schmerzen, die es verursachen kann, näher zu beschäftigen. Nach beendeter Odyssee gibt sie nun ihre Erfahrungen gerne an alle Betroffenen weiter.

Was sagt die Fachliteratur?

Also zunächst mal ein paar Infos aus der Fachliteratur. Beim ISG handelt es sich um eine durch starke Bänder gesicherte, gelenkähnliche Verbindung zwischen Kreuzbein und dem rechten und linken Darmbein. Durch diese straffe Verbindung von Bändern hat es nur eine minimale Beweglichkeit. Treten „Störungen“ in dieser hochkomplexen Struktur auf, kommt es im Anfangsstadium vor allem nach langem Sitzen oder Liegen zu uncharakteristischen, stechenden Schmerzen in der Lendenwirbelsäule. In fortgeschrittenerem Stadium treten die Beschwerden in der Gegend des Kreuzbeins und der Lendenwirbel auf – und zwar in Ruhe und bei Belastung. Meistens sind sie dann auch nicht mehr nur auf den Rücken beschränkt, sondern können auch in das Gesäß, in die Oberschenkelrückseite und in den Hüftbeuger – meist einseitig – ausstrahlen und den gesamten Muskelapparat mit in Leidenschaft ziehen. Ganz schlimm wird’s dann, wenn sich das Gelenk entzündet hat.

Chirotherapie als Ersthilfe

Wie alle Sportler war ich natürlich wegen der Beschwerden ziemlich genervt und habe es erst mal mit Ignoranz versucht. Das hat leider nicht lange funktioniert. Relativ schnell hatte ich sowohl beim Training als auch danach ständige, heftige Schmerzen. Um diese wieder loszuwerden, bin ich schließlich zu einem Arzt gegangen, der für sein chirotherapeutisches Talent bekannt ist. Er meinte, die Probleme kommen von Blockaden, die man mit ein paar Handgriffen schnell lösen kann. Das hat am Anfang auch prima funktioniert. Im zwei bis Dreiwochenrhythmus bin ich dahin spaziert, hab mich „einrenken“ lassen und gut war es. Bitte macht dies nicht nach, denn von Mal zu Mal wurde die Zeitspanne zwischen den Arztterminen enger und gut ging es mir erst nicht. Im Gegenteil. Die Schmerzen wurden immer schlimmer.

An vernünftiger Diagnostik geht kein Weg vorbei

Also ging ich frustriert zu einem neuen Arzt. Dieser – selbst Triathlet – erklärte mir dann, dass Chirotherapie nicht immer der Königsweg ist. Vielmehr könnte durch das ständige Einrenken die Bänderstruktur so gelockert werden, dass sie nicht mehr den notwendigen Halt geben kann.

Seine Devise: Schlägt diese Therapieform nach maximal 2-3 maliger Anwendung nicht an, muss nach den Ursachen der ständigen Blockaden gesucht werden. Infrage kommen dabei Fehlhaltung der Wirbelsäule, Abnutzungserscheinungen oder Beinverkürzung. Gesagt, getan: Ich wurde ausführlich untersucht, geröntgt und zuletzt wurde ein Ultraschall gemacht. Auf ein kostenintensives MRT verzichtete der Doc, denn er war sich aufgrund der bereits genannten Diagnostik sicher, dass das ISG (inzwischen) entzündet war. Gründe bei mir: Überbelastung, möglicherweise verursacht durch eine Beinlängendifferenz.

Endlich zahlreiche Therapievorschläge in der Hand

Um die Entzündung aus dem Körper rauszubekommen, hab ich ein Schmerz- und Rheumamittel verschrieben bekommen. Des Weiteren verordnete er mir für eine kurze Zeit auch ein Medikament zur Muskelentspannung. Langfristig sind diese Arzneimittel jedoch keine Alternative, denn es besteht die Gefahr einer Schmerzmittelabhängigkeit. Außerdem empfahl er eine gezielte Physiotherapie – die manuelle Therapie – und Wärme, um die Muskelverspannungen der beteiligten Muskeln nachhaltig auszugleichen. Die Therapievorschläge führten alle mehr oder weniger schnell zum Erfolg, heißt zu Schmerzfreiheit.

Nur am Rande: ein guter Physiotherapeut ist nicht so einfach zu finden. Mir haben Empfehlungen anderer Sportler geholfen, den Richtigen auszuwählen.

Ursache Beinlängendifferenz?  

Offen blieb jedoch immer noch die vermeintliche Ursache für das ganze Dilemma, also bei mir das Thema Beinlängendifferenz. Das erforderte weitere Untersuchungen. Denn oft wird beim ISG-Syndrom zwar eine Beinlängendifferenz beobachtet, die jedoch nichts mit einer anatomischen Längendifferenz der Beine zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um eine sogenannte „funktionelle“ Beinlängendifferenz, verursacht durch Fehlstellungen der Beckenknochen, des Kreuzbeins und der Wirbelsäule. In diesem Falle mit einer orthopädischen Einlage mit einseitiger Erhöhung zu therapieren, wäre also total falsch und könnte zu noch mehr Problemen führen.

Hochinnovatives Verfahren bringt Tatsachen auf den Tisch

Deshalb ging ich mit Empfehlung zu einem weiteren Arzt, um festzustellen, zu lassen, ob es sich tatsächlich um eine anatomische Beinlängendifferenz handelt oder nicht. Nur wenige bieten diese innovative Untersuchung via eines hochmodernen Verfahrens – das 3D-Vermessungssystem – an. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Video- und Datentechnik. Am Ende ermöglicht die schnelle, berührungslose und strahlenfreie Analyse eine exakte Diagnose, und zwar bezüglich jeglicher Wirbelsäulenfehlhaltung, Beckenschiefstand und natürlich Beinlängendifferenz. Jedenfalls untersuchte mich besagter Arzt, der als studierter Physiker viel Wert auf Biomechanik legte, nochmals unter einem ganz anderen Licht. Er schaute sich das gesamte Skelett an, selbst die Kiefergelenke. Ihm fiel sofort eine Steifigkeit meiner Füße auf. Dann wurde die Beinlängendifferenz gemessen.

Raus kam: Keine anatomische Beinlängendifferenz! Sondern ein leichter Beckenschiefstand.

Bewegungsanalyse von Kopf bis Fuß vervollständigt das Bild

Danach machte er eine Ganganalyse, eine Pronations- und Barfußmessung und eine hochprofessionelle Bewegungsanalyse auf dem Laufband. Dabei kam so einiges zutage: Zu schwache Becken- und Rumpfmuskulatur, falsches Abrollverhalten des Fußes, relativ steife Brustwirbelsäule und dadurch insgesamt verursachte Fehlbelastungen der Hüfte, des Beckens und des ISG.

Zur Abhilfe: Weitere Therapievorschläge

Zur Therapie empfahl er orthopädische Einlagen, die das Abrollverhalten verbessern, Osteopathie, Physiotherapie und spezielle Übungen zur Stabilisierung aller Muskeln rund ums Becken. Außerdem sollte ich insbesondere die seitliche Rumpfmuskulatur kräftigen und Übungen zur Ganzkörper-Mobilisation, Dehnung und Koordination machen. Meine Laufschuhe schaute er sich auch noch an, diese passten jedoch zu meinem Laufverhalten und mussten nicht ersetzt werden. Nicht zuletzt sollte ich meinem Laufstil verbessern, insbesondere die Armarbeit.

Endlich Beschwerdefrei

Seither sind mehr als zwei Monate vergangen. Ich habe die Einlagen, nehme schon lange keine Medikamente mehr, muss nicht mehr zur Physiotherapie und kann wieder schmerzfrei laufen. Ich wage mich wieder an längere Einheiten heran, sogar an „schnelle“. Die zahlreichen Übungen habe ich in mein Trainingsprogramm eingebaut.

Dazu bleibt mir nur soviel sagen: Bis auf wendige waren mir die meisten ohnehin bekannt. Ihr findet sie in verschiedenen Ausarbeitungen auf triathlon.de z.B.

Damit ist es aber halt nicht getan. Inzwischen lege ich auf das funktionelle Krafttraining einen Schwerpunkt nach dem Motto: Der gute Athlet arbeitet an seinen Schwächen. In diesem Sinne wünsche ich allen ISG-Betroffenen gute Besserung und hoffe, dass ihr aus meinem Artikel für euch einige Anregungen mitnehmen könnt und bald auch wieder Spaß am Training habt.

Medizinisches

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